Auf ein ehrlich Wort...
Liebe Turnfreunde,
vor rund einem Jahr haben Sie mich gebeten, wieder an die Spitze des Turnbezirkes Schwaben zurückzukehren. Sie haben mir am Verbandstag einstimmig das Vertrauen geschenkt und ich habe Ihnen versprochen, mit großem Engagement und Einsatz wieder für diesen Turnbezirk zu arbeiten. Nochmals für „meinen Turnbezirk Schwaben“, von dem ich mich am 12. März 1994 nach 25 Jahren Ehrenamt verabschiedet habe.
Was haben wir in einem Jahr erreicht, angestoßen, angedacht? In einer Klausurtagung galt es künftige Ziele, Zusammenarbeit und Mitarbeit zu diskutieren und festzulegen. Ich hatte ein gutes Gefühl.... Monate sind vergangen, wo sind die Aktivitäten im Bereich des Leistungssportes, des Breitensportes, der Jugend....wo sollen, wo wollen, und wo gehen wir hin. Ich frage mich heute manchmal – brauchen wir eigentlich noch einen Turnbezirk ? Nur für die Durchführung von Bezirksmeisterschaften sicher nicht. Das lässt sich irgendwie anderst organisieren. Bezirksverbandstage als große Demonstration auch von rund 170.000 Mitgliedern haben keine große Wirkung, das habe ich erlebt, wenig Politiker, wenig öffentliches Interesse, wenig Medien, wenig Interesse der Vereine – egal ob auf Bezirksebene oder auf Gauebene. Wozu also noch für den Turnbezirk Geld ausgeben? Die neue Satzung – vor allem von Euch mit ins Leben gerufen, getragen und abgestimmt, stärkt nun eigentlich die Rolle der Bezirke, wenn im einzelnen Gau, im einzelnen Fachgebiet es nicht so laufen sollte. Doch wie kann ein Bezirk eigentlich eingreifen? Mit einem Fachorgan „Bayernturner“, dem “Bayernsport“ oder einem „Schwabenbrief“ der nur von wenigen gelesen wird, nicht entsprechend aktuell ist? Vielleicht mit Infos im Internet – auch kaum besucht, nicht einmal von den eigenen Mitarbeitern? Leider müssen bayernweit sogar eine Vielzahl der wenigen Lehrgänge ausfallen - abgesagt wegen mangelnden Teilnehmern. Informationen direkt an die Vereine ist teuer, sehr aufwändig, letztlich müsste es den Einzelnen direkt vor Ort treffen, nicht den Vorstand oder nur den Abteilungsleiter. Wo sind die direkten Verbindungen, wer kennt unsere, Ihre Mitarbeiter direkt vor Ort? Brauchen diese eigentlich den Turnverband, den Bezirk oder den Gau? Diese Frage stelle ich mir schon, wenn ich denke wie viele Vereine unter Turnen melden, und mit wie vielen wir letztlich nur Kontakt haben. Wo waren die Turner bei der Gymmotion? Beim „Verein der Zukunft“? Wo waren die Turner, wenn es um grundlegende Fragen der Altersentwicklung geht? Um Aufgabenstellung des Verbandes, des Bezirkes, der Gaue. Wo waren die Turner, wenn es um Mittelkürzung des Freistaates für die Übungsleiter geht? Immer brav, sportlich fair, ....
Freilich haben wir auch einiges erreicht im letzten Jahr, in all den Jahren: größte Leistungsdichte im Kunstturnen der Männer, Zusammenarbeit der Liga-Vereine, Trainer und Kamprichterschulung, Internationalen Wettkampf in Porto, „Knaxiade“ mit Rekordbeteiligung, Besuch des Präsidenten des DTB und des BTV, Max-Prutscher Gedächtnisturnen, Ehrung unserer erfolgreichen Turnerjugend, bay. Turnerjugendtreffen in Schwabmünchen, Aktionstage in allen Turngauen, Lehrgänge und Meisterschaften ....uvm. Reicht das aus? Unsere Präsenz bei Jubiläen und Ehrungen, bei Festen und Beerdigungen, bei Wettkämpfen und Lehrgängen.....
Im Jahre 1996 bis zum Jahre 1999 habe ich auf Drang und Wunsch von einigen ehemaligen Turnbezirksmitarbeitern und Freunden den Turnverein Augsburg als 1. Vorsitzender übernommen, und mit dem TVA versucht, Zeichen zu setzen und ihn für die Zukunft zu rüsten. Ein Zeichen ist letztlich der Bau und der Betrieb eines Fitness und Gesundheitstowers, die Wandlung zum „neuen tva“ , dem familienfreundlichen Sportverein, zum Verein für Gesundheit und Fitness...... Ich wollte hiermit nur aufzeigen, dass es Vereine gibt – sicher neben dem TVA auch noch einige Andere, aber leider nur wenige in Schwaben, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, und sich weitvorausschauend Gedanken um die künftige Entwicklung des Turnsportes machen.
Mit großer Sorge beobachte ich die Entwicklung der Sportbewegung, die Untätigkeit unserer Vereine, auch unserer Turnvereine im Hinblick auf die Altersentwicklung in unserem Lande. Glauben Sie mir, ich begrüße alle Aktivitäten, welche die Vereine und die Turngaue unternehmen, ich lobe mir die Vielzahl der Übungsleiter in den Vereinen, ich lobe auch die Aktivitäten der Turngaue, sei es mit Lehrgängen oder mit Aktionstagen, in dem sie die Vereine ansprechen, animieren, aus- und weiterbilden. Aber ich frage bewusst: REICHT das aus? Sicher NICHT, eine Antwort nicht nur von mir, sondern von einer Vielzahl von Fachkräften, von Fachleuten, von Altersforschern und vielen mehr..... Der Anschlag an der Kirchentüre wird keinen Fremden zum Gottesdienst bringen, und nur das Angebot des Vereines wird keinen Außenstehenden in die Turnhalle, in die Gymnastik- oder Sportstunde bringen. Hier gilt es andere Wege einzuschlagen, aktive Werbung, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, sich nach außen zu öffnen, unsere Mitarbeiter zu schulen, aus und weiterzubilden, fortzubilden, Türe zu öffnen, nach neuen Sportstätten, nach neuen Übungsleitern zu suchen, mit pfiffigen Ideen, gerade die anzusprechen, die bislang dem Sport fremd gegenüberstanden – aber gerade diese sind es, die den Sport, die Bewegung brauchen, um gesund zu sein, bzw. zu bleiben oder zu werden. Ein Netzwerk aufzubauen, kein Konkurrenzdenken! Und über den Sport hinaus auch evtl. neue soziale Kontakte aufzubauen, .... Wer informiert sich über die Problematik, das Aufgabenfeld, die Ideen, wer arbeitetet mit, wer ?
Wenn im Turnbezirk Schwaben fast 500 Vereine sind, und wir in weniger als 200 Vereinen Angebote für ältere Menschen haben, ist es doch blamabel. Wenn in mancher Gemeinde, manchem Verein nur Frauen die Seniorenstunden besuchen, frage ich mich, haben wir den Bedarf nicht gesehen, nicht erkannt oder ......
Wenn in Bayern im letzten Jahr bei rund 2800 Vereinen gerade mit Mühe und Not eine Ausbildung „Sport mit Älteren“ zusammenkommt, so ist doch 5 nach 12! Es liegt sicher nicht an der Fachwartin, nicht am Referententeam, diese sind hoch qualifiziert und motiviert, es liegt am Bewusstsein. Welcher der Sportarten soll sich denn um den älteren Menschen annehmen, wenn nicht der Turnsport! Unsere Probleme sind für den Fachverband von Boxen, Fechten oder Bobsport – um nur einige zu nennen-- kein Thema. Aber mich, uns soll – MUSS es bewegen. Uns bewegen, dass die Menschen sich wieder bewegen. Wir tragen dafür die soziale Verantwortung. Das will, und das muss ich ihnen mit aller Entschiedenheit sagen. Und daher habe ich sehr bedauert, dass gerade die Turngaue dieser Klausur – egal aus welchen Gründen – sich nicht angeschlossen haben. Es hat mir sehr weh getan!
Ich habe auch für mich Bilanz gezogen für 1 Jahr Turnbezirk – Neu.
Ich habe mich bereit erklärt, kurzfristig und als Übergang wieder mitzuhelfen, mitzuarbeiten. Ich denke, Sie sollten sich Gedanken machen, über die neue Vorstandschaft des Turnbezirkes Schwaben. Nachdem in den nächsten Monaten, wohl in diesem Jahr in den Gauen die neue Satzung umgesetzt wird, neue Fachwarte und Vorstandsgremien besetzt werden, sollte der Turnbezirk anschließend, wohl so im Herbst 2004 oder Frühjahr 2005 sich auch einen neue satzungsgemäße Vorstandschaft wählen. Ich habe „ausgeholfen“, solange ich dabei bin, werde ich mahnen, ankurbeln, mitarbeiten, aber auch fordern. Ich denke aber es ist auch Zeit, diesen „Aushilfsjob“, der mir sehr viel Arbeit kostet, wieder zu beenden. Daher machen Sie sich rechtzeitig Gedanken, auch über die Arbeit, die Zukunft eines Turnbezirkes, es ist Ihr Turnbezirk. Mir macht es Spaß, auch wenn mich zur Zeit die Sorgen um die Entwicklung des Turnsportes sehr belasten. Mit dem neuen Präventionsgesetz wird der Einzelne wieder mehr animiert sich sportlich zu betätigen, vorzusorgen..... Geht diese Entwicklung an unseren Vereinen vorbei? Könnten nicht wir der Partner der Krankenkassen sein? Könnte nicht der Turnsport flächendeckend im ganzen Lande, mit einem breiten Angebot für Männer und Frauen, für sportlich Aktive und für Rehabilitanten, mit einem bunten und vielseitigen Angebot DER Partner sein? Er könnte es, aber nicht mit 15, 20 oder 50 neuen Übungsleitern im Jahr! Wir haben fast 3000 Vereine in Bayern, fast 500 in Schwaben!
Ich wünsche Euch allen zu Beginn des neuen Jahres alles Gute, viel Kraft bei Eurer täglichen Arbeit, auch viel Spaß und Freude gerade im Ehrenamt, aber vor allem Gesundheit und Gottes Segen.
Mit freundlichen Grüßen
Siegfried Schmid